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Mittwoch, 14. November 2018

parsX im Einsatz beim Kampa Verlag

Dieser Artikel erschien am 2. Oktober 2018 zuerst auf buchmarkt.de

„Wir sind technisch gerüstet, unserem Programm die maximale Verbreitung zu sichern”

Der Kampa Verlag hat sein Startprogramm veröffentlicht. Für den Inhalte-Mann Daniel Kampa ist Produktionstechnik ein Schlüssel zum Erfolg seiner Autoren. Warum XML-Daten auch für den Handel gut sind, verraten Verleger, Herstellungsleiter und Dienstleister im Telefoninterview.

Im Startprogramm des Kampa Verlages stecken 40 Titel – kein kleines Programm für ein halbes Dutzend KollegInnen, deren Schreibtische nicht mal alle am Verlagsort stehen. Gleichzeitig leisten Sie sich ein „Hauptstadtbüro“ in Berlin – wozu?

Daniel Kampa: In der Buchbranche spielt zum Glück das Persönliche immer noch eine wichtige Rolle. Wir wollen enge und persönliche Kontakte zum deutschen Buchhandel und zur Presse pflegen, da ist Zürich doch ein wenig zu weit weg vom deutschen Markt.

Geht Ihre Wette auf Georges Simenon auf?
Daniel Kampa: Die Wette ist eigentlich gar keine. Simenon ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, und es ist ein Traum, diesen Autor und sein Werk zu betreuen. Und es ist doch auch schön, dass die Lektorin Cornelia Künne, selbst wenn sie hoffnungslos überarbeitet ist, immer wieder feststellt: Simenon ist einfach verdammt gut! Die Vorbestellungen zeigen: Der Buchhandel freut sich, dass Maigret nach über zwei Jahren endlich wieder auf Deutsch ermittelt, und die Neugierde auf vergessene und neu zu entdeckende Simenon-Titel ist sehr groß. Eine Hilfe sind dabei die illustren „Paten“ wie Daniel Kehlmann, Julian Barnes oder John Banville, die Nachworte zu den großen Romanen geschrieben haben.

Jedes neue Unternehmen hat eine große Chance: sich ein individuelles „Betriebssystem“ zu geben, sich also so zu organisieren, dass die internen Abläufe optimal zum Geschäftszweck passen. Viele etablierte Verlage kranken daran, dass ihre Organisation mehr leisten müsste, als sie eigentlich kann. Was läuft bei Kampa anders ab als anderswo?
Daniel Kampa:
Auch wir können nicht zaubern, aber ab einer gewissen Größe geht sehr viel Energie für Kommunikation, Organisation und Verwaltung drauf. Für mich hat ein Verlag die ideale Größe, wenn alle mittags gemeinsam essen können – dann ist beim Dessert jeder à jour und man kann arbeiten, statt Sitzungen zu organisieren.

„Die Konzernverlage wollen kein großes Werk am Leben erhalten, das ist aufwendig“, haben Sie mal mit Bezug auf Simenon gesagt. So etwas ist doch nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch eine des Könnens. Warum kann der Kampa Verlag etwas, das ein Konzernverlag oder auch ein Diogenes-Verlag nicht kann?
Daniel Kampa: Können, Wollen… Da gibt es doch im Zusammenhang mit der Kunst einige bekannte Aphorismen. Ich mag den Satz von Arnold Schönberg, der auch gut zur Verlegerei passt: „Ich glaube: Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.“ Ab und zu muss man einfach müssen. Oder anders gesagt: Die Overheads, die allgemeinen Betriebskosten, müssen so niedrig sein, dass man den Kopf frei hat für verrückte Projekte.

Die Novitäten müssen ja nicht nur finanziert, sondern auch vermarktet und produziert werden. Dazu kommt eine wachsende Backlist, die in verschiedenen Vertriebskanälen „leben“ muss. Können Sie eine ähnliche Schlagzahl in Zukunft beibehalten, ohne Ihren Verlag zu überlasten?
Jan Kermes: Mit unserer Backlist können wir sehr schön flexibel und kostensparend spielen, da unsere Satzdaten dieses Spiel vereinfachen. Denn sie liegen komplett im XML-Format vor.

Fachverlagen ist XML altbekannt, warum ist es auch für belletristische Programme sinnvoll?
Jan Kermes: In dieser Frage waren die Holtzbrinck Buchverlage – die seit sieben Jahren aus XML produzieren – oder auch HoCa und Diogenes Wegbereiter, wir können von diesen Erfahrungen profitieren. Wir sehen für uns die gleichen Vorteile: Satz auf Basis von XML-Daten ist schneller, und seine Qualität ist standardisiert. Anderenfalls trägt jedes Buch auch strukturell die Handschrift des Setzers, der es erarbeitet hat. Gleichzeitig entstehen hochwertige Daten, an denen wir strategisches Interesse haben. Die XML-Daten geben uns marketingseitig die Möglichkeit, Texte, bevor sie überhaupt auf Doppelseiten gelangen, dem Handel oder auch den Buchhandelsvertretern als Lesestoff zu liefern, in Form selbst gestalteter und valider ePubs – um nur ein Beispiel zu nennen.

Sie investieren in etwas, das bei manchen gestandenen Verlegern für fragende Blicke sorgen könnte: teilautomatisiertes Crossmedia Publishing auf Basis Ihrer XML-Daten. Trauen Sie Maschinen mehr zu als klassischem DTP?
Jan Kermes: Wir setzen parsX ein, das ist nicht einfach ein beliebiges Stück Software. Es wird seit sieben Jahren von pagina entwickelt, also von einem der XML-Pioniere und gleichzeitig einer Setzerei mit fast 50 Jahren Erfahrung mit strukturierten Verlagsdaten. Die Software ist hochgradig ausgereift und entspricht genau unseren Bedürfnissen. Die Verlage, die ich eben erwähnt habe, setzen alle parsX ein. Aus dieser Erfahrung haben wir uns für einen XML-first-Arbeitsablauf entschieden. Das heißt, wir konvertieren die endkorrigierten Word-Manuskripte vor Beginn des eigentlichen Satzes nach XML. Die qualitätsgesicherten Daten stehen dann sofort für alle Medienformen zur Verfügung – für eine vollautomatische ePub-Ausgabe ebenso wir für die Leseprobenproduktion oder eben den Satz. Dieser erfolgt halbautomatisch in Indesign durch professionelle Setzer – das typographische Ergebnis ist also immer mindestens genauso gut wie beim klassischen DTP …
Daniel Kampa: … aber durch den automatisierten Grobumbruch sparen wir ganz erheblich Zeit – und Kosten.

Was bedeutet es für einen Hersteller, nicht mehr Layoutraster mit Text zu befüllen, sondern als „Satzmaschinist“ am Steuerpult zu sitzen? Wo bleibt da noch die Kreativität?

Tobias Ott: Das Berufsbild des Herstellers hat sich grundlegend gewandelt. Der Kostendruck auf dem einzelnen Titel ist gewaltig, die moderne Gesellschaft fordert gleichzeitig digitale Produkte, die übrigens ganz anderen typografischen Gesetzmäßigkeiten folgen. Ohne eine Änderung der Produktionsweise ist das nicht zu schaffen. Es ist in vielen Häusern seit langem üblich, einheitliche Innentypografien für den kompletten Verlag, für Imprints, Reihen oder Autoren zu etablieren. Diese gilt es, bis ins kleinste typographische Detail auszuarbeiten – und dann so weit wie technisch möglich automatisch zu befüllen. Die letzten paar Prozent werden von Hand gemacht – so dass der Leser die gewohnt hohe Qualität wahrnimmt, auch da, wo ein Automatismus an Grenzen stößt. Was der Leser hingegen nicht sieht, ist, ob ein Layoutraster automatisiert oder per Copy und Paste befüllt wurde. Aber natürlich kann man mit XML auch jedes Buch ganz individuell gestalten – der Einspareffekt ist dann eben geringer.
Daniel Kampa: Neben fein gestalteten Reihentiteln wird es übrigens im Kampa Verlag immer Bücher geben, die buchstäblich aus der Reihe tanzen und die wir hochgradig individuell gestalten wollen. So erscheinen im ersten Programm zum Beispiel die Cocktailrezepte der legendären Züricher „Kronenhalle Bar“ – allein die Lesart eines solchen Buches setzt einen ganz anderen typografischen Auftritt voraus als Simenons lineare Belletristik.

Wie weit kann und darf denn die Automatisierung gehen?
Daniel Kampa: Das ist ein weites Feld, auf dem sich jedes Jahr was Neues tut. Die Automatisierung bringt bereits heute neben der Satzerleichterung unerwartete Vorteile. Sie kann sogar schon bei der verlegerischen Programmplanung interessant werden: Von Anfang an einheitlich vorliegende Backlistdaten sind beliebig durchsuch- und kombinierbar. So können zum Beispiel mit minimalem redaktionellen und satztechnischen Aufwand Anthologien entstehen.
Tobias Ott: Wenn wir dem Trend zur Individualisierung und Personalisierung auch mit Verlagsprodukten folgen wollen, müssen wir eine 100%-Automatisierung als Ziel formulieren. Technisch ist das längst Realität, es ist also eher eine Frage des Marktes. Aber Verlage sollten sich darauf vorbereiten. Und die digitalen Medien werden ohnehin vollautomatisch „gesetzt“, nämlich zur Laufzeit gerendert. Ich sehe große Chancen in neuen Print- wie Digitalformaten. Dabei ist das Potenzial zum Beispiel der ePub-Version 3 …

… mit Möglichkeiten wie Multimedia-Einbindung oder automatischer Wiedergabe als Audiodokument …
… seitens der Geräte und Leseapplikationen noch längst nicht vollständig umgesetzt. Innovative Kanäle oder Portale, um zum Beispiel Leseproben digital zu distribuieren, sind noch nicht erschlossen. Aber der Markt ist in Bewegung. Alle Inhalte eines Verlages, den Goldschatz also, stets in medienneutraler Form vorliegen zu haben, bereit für jedwede künftige technologische Verwendung, ist da doch sehr beruhigend!

Wird denn die Absatz-Wirksamkeit von Daten nicht überschätzt – gerade in literarischen Verlagen? Dort geht es doch eher darum, die Mittler aus Handel und Medien zu überzeugen von der Wichtigkeit des Programms und von der Entschlossenheit des Verlags, es durchzusetzen?
Daniel Kampa:
Im Lizenzgeschäft zwischen Verlagen können medienneutrale Daten durchaus einen höheren Weiterverkaufswert haben, eben weil sie sich so unkompliziert in eine andere Verwertungsform transformieren lassen.
Jan Kermes: Auch Vertriebsmodelle für kundenindividuelle Inhalte und Backlisttitel oder digitale Imprints als Print on Demand oder E-Book funktionieren kostendeckend nur auf Basis von Standardisierung und Automatisierung. Daher verfolgen wir zusätzlich den Weg der vollautomatischen Satzproduktion mit PrintCSS. Die Qualität ist bemerkenswert, und die Kosten sind unschlagbar günstig. Entscheidend ist für uns: Jede Produktion erfolgt aus denselben Daten.

Mit „Daten“ können bibliographische Steckbriefe gemeint sein, aber auch Buchinhalte. Warum kann es sinnvoll sein, diese Inhalte öffentlich bereitzustellen?
Wie es den Verkauf stimuliert, mit Inhaltsdaten zu arbeiten, zeigen Amazon und andere kataloggetriebene Geschäftsmodelle. Denken Sie nur an „Search Inside the Book“ oder an die Buchempfehlungen, die ganz stark auch von der Datenausstattung leben. „Suggestion Engines“, gezielte Ansprache, individuelle Newsletter, passgenaue Auslieferung von Leseproben – das kann der Handel auch. Ich sehe da ein großes Potential. Die Daten dazu müssen von den Verlagen kommen. Und sie müssen standardisiert vorliegen.

Übt eine solche Software mit ihren Anschaffungs- und Einführungskosten nicht einen „Zwang zur Größe“ auf den Verlag aus?
Daniel Kampa:
Umgekehrt! Vor allem das 200-bändige Werk Simenons gibt uns in den kommenden Jahren eine gewisse Dimension an Neuerscheinungen vor. Damit können wir als „Start-up“ sehr gut planen. Aber das ist nicht das Ausschlaggebende.

Sondern?
Jan Kermes: Wir haben entschieden, die Hoheit über die ePub-Konvertierung im Haus haben zu wollen. Das ist eine logische Folge unserer „Content First“-Strategie. Die ermöglicht es uns, Bücher unter den Stichworten E-Book-First und E-Book-Only vorab oder ausschließlich als digitale Produkte zu vermarkten. Das kann Stoffen helfen, die zum Beispiel aufgrund ihres geringen Umfangs gedruckt problematisch wären. Oder es erlaubt uns, schnell zu agieren, wenn wir zu einem aktuellen Thema einen Beitrag parat haben. Was ja wiederum perfekt zum nun etablierten Lesen am Bildschirm passt.
Auch stellen wir fest, dass ein E-Book viel häufiger nachproduziert wird als ein gedrucktes Werk; das muss schnell und reibungslos gehen. So können wir auf neue Anforderungen der E-Book-Shops schnell reagieren oder zum Beispiel auch saisonal unsere E-Books um neue Leseproben im Anhang anreichern. Insofern ist der parsX-E-Book-Konverter und das Leseprobenmodul des parsX-Frameworks für uns neben dem Satzmodul mindestens ebenso wichtig.

Welche Rolle spielen bei Kampa in Zukunft Hörbuch, Großdruck und ähnliche Publikations- und Verwertungsformen?
Daniel Kampa:
Im Hörbuch-Segment arbeiten wir mit verschiedenen Lizenzpartnern zusammen, vor allem dem DAV Der Audio Verlag in Berlin, die mit sämtlichen Maigrets und ausgewählten Non-Maigrets eine der größten Hörbucheditionen aller Zeiten stemmen. Unsere E-Books sollen, wie in unserer Branche und unserem Programmsegment mittlerweile üblich, weiteren Absatz vor allem neben dem Hardcover finden, ohne die gedruckten Ausgaben zu kannibalisieren.
Jan Kermes: Perspektivisch werden Kampa-E-Books den Empfehlungen der Peergroup Produktion und IG Digital des Börsenvereins für barrierefreie E-Books entsprechen, die mit der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig – der DZB – entwickelt wurden, um Texte optimal zugänglich für Menschen mit Sehbehinderung zu machen.
Daniel Kampa: Wir sind also technisch gerüstet, unserem Programm die maximale Verbreitung zu sichern.