XML-Know How

Reflowable Text oder: Die Umbruchautonomie der Lesegeräte

Es gibt nämlich einen entscheidenden Unterschied zwischen der Veröffentlichung in gedruckter Form und der elektronischen Publikation: Im Druck-Workflow gibt es einen definierten Zeitpunkt, an dem der Umbruch- und Korrekturprozess abgeschlossen ist. Dieser Zeitpunkt manifestiert sich in der »Imprimatur« (lat.: »es möge gedruckt werden«), mit der der Verlag die Freigabe für den Druck erteilt und mit dem der Vorstufen-Prozess abgeschlossen ist. Ist die Druckvorlage (in der Regel ein PDF) fehlerfrei, so kann der Verlag davon ausgehen, identische Kopien dieser Vorlage durch den Druckprozess zu erhalten.

Genau dieses Grundprinzip des verlegerischen Handelns, das Herstellen identischer Kopien, gibt es in den meisten Kanälen des elektronischen Publizierens nicht: Hier findet der »Umbruch« der Information erst auf dem Endgerät (dem Browser, dem E-Book-Reader, dem Tablet-PC, dem Smartphone) statt. Dieser Effekt ist gewünscht, birgt er doch alle Vorteile des elektronischen Lesens: Der Text soll sich an die Größe des jeweiligen Lesegeräts und an die Lesegewohnheiten des Nutzers anpassen. Man spricht hierbei von »reflowable Text«.

Abb. 7 Das Prinzip des »reflowable Text«: Derselbe Inhalt wird – je nach Größe des Ausgabegeräts – unterschiedlich umbrochen

Automatischer Umbruch lässt keine »Tricks« zu

Was dem Anwender nützt, ist für den Verlag eine völlig neue Herausforderung: Er kann die konkrete Darstellung seiner Inhalte (am Bildschirm) nicht mehr alleinverantwortlich steuern. Der Umbruch – man spricht hier vom »Rendern« einer Bildschirmseite – entsteht erst zur Laufzeit am Bildschirm, auf den verschiedensten Endgeräten, auf deren Konfiguration der Verlag keinen Einfluss hat. Damit verbieten sich sämtliche satztechnischen »Tricks«, mit denen eine bestimmte typographische Umsetzung im Satzbild erzwungen werden konnte:

  • Werden im Satz Teile der Seite mit einem weißen Rahmen »überdeckt«, so wird der abgedeckte Bereich im elektronischen Produkt wieder sichtbar sein.
  • Werden im Satz Sonderzeichen aus einem eigenen Font verwendet und dieser Font ist nicht auf sämtlichen (!) Lesegeräten installiert, so fehlt möglicherweise das Zeichen in der Darstellung am Bildschirm. Aus »μg« (Mikrogramm) wird dann möglicherweise »g« (Gramm) – mit allen haftungsrechtlichen Folgen für den Verlag, z. B. im medizinischen oder pharmazeutischen Umfeld.
  • Werden im Satz Schriftzeichen »von Hand« mit einem darüber liegenden Akzent versehen, so wird dieser im elektronischen Produkt nicht auftauchen.
  • Werden im Satz Textrahmen an einer bestimmten Stelle auf der Seite positioniert – z. B. um eine Marginalie darzustellen – so fehlt im elektronischen Produkt die Verbindung zum Text und der Rahmen wird womöglich an völlig falscher Stelle – wenn überhaupt – auftauchen.
  • Wird im Satz der Ausschnitt eines Bildes verändert, nicht aber das Bild selbst beschnitten, so wird im elektronischen Produkt wieder das Gesamtbild (und nicht nur der Ausschnitt auftauchen).
Abb. 8 Spätestens, wenn Sie elektronisch Publizieren wollen, müssen Sie sich all diesen datentechnischen Herausforderungen stellen!

Ein Verlag, der elektronisch publizieren möchte, sollte daher auf jeden Fall auch seine Abläufe im Print kritisch hinterfragen und dafür Sorge tragen, dass technisch makellose Daten zur Verfügung stehen.

Was aber heißt »technisch makellos« – und wie erreicht man das? Darum wollen wir uns im nächsten Kapitel kümmern.