XML-Know How

Die Alternative zum Roundtripping: Die Produktion über ein Content Management System

Wo werden die Daten korrigiert?

Bei genauer Betrachtung fällt allerdings auf, dass in Szenario 2 noch gar kein Prozessschritt vorgesehen ist, in dem die Daten korrigiert werden (was in Szenario 1 während der Satzarbeiten erfolgt). Wir müssen das Szenario 2 also um einen ganz wesentlichen Aspekt erweitern, nämlich ein System, in dem die Daten gepflegt, korrigiert und verwaltet werden können – und aus dem heraus die Produktion der verschiedenen Medienformen gestartet werden kann. Ein solches System wird Content-Management-System genannt.

Abb. 46 Wie kommt das Manuskript ins Content Management System?

Assets

Je nach Ausprägung und Leistungsumfang unterscheidet man zwischen Content-Management-Systemen (CMS) und sogenannten Media Asset Management Systemen (MAM). Ein MAM-System verfolgt den Ansatz, dass jede separat greifbare Information – sofern sie für den Verlag einen eigenen Wert hat – als eigenes »Asset« abgespeichert, verwaltet und mit Metadaten angereichert werden kann.

Ein »Media Asset« bezeichnet also jegliche Form von Content – das einzelne Rezept, die einzelne Zutat, das einzelne Bild des Rezepts, die Bilderfolge mit Zubereitungsschritten. Verfolgt man diesen Weg konsequent, so erhält man eine Datenbank mit fein granulierten Verlagscontent, aus dem sich auf einfachem Wege jegliche neue Zusammenstellung der Inhalte ableiten lässt. Die Buchform ist dann nur noch eine von beliebig vielen möglichen solcher Zusammenstellungen.

Der Einsatz eines CMS oder MAM-Systems ist mit deutlich höheren Kosten verbunden als die in Szenario 1 beschriebene XML-first-Produktion ohne Systemunterstützung. Und bei weitem nicht jedes Verlagsprogramm eignet sich für die Granularisierung und Neuzusammenstellung der Inhalte. Ein Roman beispielsweise ist in keiner anderen Sequenz der Inhalte vorstellbar als der vom Autor vorgegebenen. Für viele Verlage aus dem Fachinformations- und Ratgeberbereich jedoch bietet die Investition in ein MAM-System völlig neue Publikationsmöglichkeiten mit neuen Produktideen und kurzen Produktionszeiten.

Kommt ein solches System zum Einsatz, verändern sich auch die Abläufe im Satz fundamental. Im Idealfall verfügt ein CM- oder MAM-System über eine direkte Anbindung an ein Satzsystem. Über diese Anbindung erfolgt ein Großteil der Satzarbeiten vollautomatisch. Als Übergabeformat zwischen dem CMS und dem Satzsystem dient abermals XML – entweder in der Original-Syntax gemäß der Verlags-DTD oder (nach einem automatischen Transformationsschritt mit Hilfe von XSLT) in einer Satzsystem-optimierten Syntax, z. B. IDML.

Abb. 47 Prinzip der Ausgabe von Daten aus dem CMS in verschiedene Kanäle

Da die Satzausgabe in diesem Fall automatisch passiert, ist ein Roundtripping nicht notwendig und nicht vorgesehen. Die Korrekturen, die im Satzbild auffallen, werden in den XML-Quelldaten direkt im CMS oder MAM-System ausgeführt und die regelbasierte Satzausgabe erneut gestartet.

Damit eignet sich dieses Verfahren vor allem für Verlage, bei denen sich die Satzarbeiten weitgehend automatisieren lassen: Loseblatt-Sammlungen, wissenschaftliche Buchreihen, Zeitschriften, Ratgeberreihen etc. Aber auch bei diesen Produkten lässt sich eine typographisch hochwertige Qualität nicht vollautomatisch erzielen. Es sollte daher stets eine Phase der »typographischen Veredelung« vorgesehen werden, um ein marktfähiges Produkt zu erstellen.

Diese Arbeiten erfolgen in aller Regel außerhalb des CMS/MAM-Systems, d. h. der automatisch erzielte Umbruch wird (z. B. in Form einer InDesign-Datei) ausgespielt und an einen Satz-Dienstleister übergeben. In dieser Phase sollten möglichst keine inhaltlichen Korrekturen mehr auftreten, da eine Rückübernahme dieser Daten ins System nicht vorgesehen ist. Jeder Verlag, der nach einem solchen Prinzip arbeitet, definiert für sich daher einen Zeitpunkt, ab dem letzte Korrekturen nur noch in Doppelpflege – einmal im Satz, ein weiteres mal in den medienneutralen Quelldaten im CMS/MAM-System ausgeführt werden können.

Ein CMS/MAM-System ist der technische Schlüssel zu einem content-zentriert arbeitenden Verlag. Schon an der kurzen Ablaufskizze sehen wir, dass sich die Arbeitsweise mit dem Einsatz eines solchen Systems viel grundlegender ändert, als dass nur die Satzarbeiten automatisiert würden: Vom letzten Satzlauf (der der typographischen Feinjustierung dient) abgesehen, entsteht der Satz zu jedem Zeitpunkt direkt im Verlag – und zwar nicht einmal mehr zwingend in einer technischen Abteilung, sondern als »Vorschau« des aktuellen redaktionellen Standes auch in Lektorat und Redaktion. Autoren können – wo sich dies anbietet, z. B. bei Zeitschriftenartikeln – direkt über eine Online-Maske in das System hineinschreiben. Die Korrekturen werden nicht mehr in ein Papiermanuskript eingezeichnet und von einem externen Dienstleister in einen (medienspezifischen) Umbruch eingebracht, sondern als Bestandteil der redaktionellen Arbeit direkt im System in die (medienneutralen) Daten eingepflegt. Es gibt nicht mehr nur Buchproduktionen und daraus abgeleitete Zweitverwertungen, sondern gleichberechtigt und parallel entstehende mediale Ausspielungen aus dem Verlagscontent.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich viele Verlage mit einer solch radikalen Neuausrichtung der internen Abläufe, der Produktionsweisen, der Produktpolitik – ja mit dem ganzen Selbstverständnis – schwer tun und dass ein solcher Wechsel nicht nur vor dem Hintergrund des Investitionsvolumens wohl überlegt sein muss, denn er ist in der Regel nicht umkehrbar.