XML-Know How

Stolperstein 1:
Layoutintensive Einzeltitel lassen sich nicht automatisieren

Es gibt eine ganze Reihe von Verlagsprodukten, die sich im Satz nicht für eine Abbildung in XML eignen. Anders ausgedrückt: Es sollte immer einen benennbaren und triftigen Grund geben, um einen Titel in XML zu produzieren – andernfalls droht ein »Over-Engineering«. Die Produktion wird dann teurer und mühsamer, ohne dass sich der Aufwand im Mindesten lohnt.

Das wichtigste Argument für XML in der Druckvorstufe ist die Automatisierbarkeit der Satzarbeiten. Bei vielen Titeln greift jedoch genau dieses Argument nicht. Je individueller eine (Doppel-)Seite gestaltet ist, umso weniger lässt sie sich automatisiert erstellen. Es lohnt sich schlicht nicht, für die Gestaltung jeder einzelnen Seite zunächst jeweils ein neues Template anzulegen, um dann genau eine Seite damit zu produzieren.

Mehr noch: Die Layoutsysteme (InDesign, Quark XPress) unterstützen XML nur rudimentär. Komplexe XML-Strukturen lassen sich nur mit großer Mühe oder gar nicht in diesen Systemen verarbeiten. Das »Roundtripping«, das eine Voraussetzung für einen XML-first-Workflow ist, ist häufig nicht möglich.

Viele Verlagstitel aus dem Bereich Kinderbuch, Schulbuch, Kunstbände, aber auch Ratgeber, Lifestyle-Zeitschriften etc. sind entsprechend layoutintensiv. Möchte der Verlag aus denselben Inhalten (nicht: mit derselben Gestaltung!) dennoch elektronische Produkte ableiten, so muss er sich einer zentralen Frage stellen: Ist die individuelle Gestaltung tatsächlich so wichtig für mein gedrucktes Werk – oder ist sie eher eine Folge gewachsener Abläufe? Verliert eine Ratgeberreihe wirklich an gestalterischer Finesse, wenn die Gestaltung klaren Regeln folgt oder kann der Einstieg in die Welt des crossmedialen Publizierens nicht auch ein guter Anlass sein, gestalterische Sachzwänge zu hinterfragen?

Schöne, individuell gestaltete Bücher sind ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Es darf – und muss – nicht sein, die Finesse dieser Titel dem Diktat der Mehrfachverwertung zu opfern.

Wenn der individuellen Gestaltung auch weiterhin der Raum gewährt werden soll, den sie bisher hatte (das sollte eine bewusste Entscheidung sein) und kein Content Management System zum Einsatz kommen kann (vgl. weiter unten Kap. 9.4), so bleibt als Strategie für die elektronische Nutzung der Inhalte immer noch eine »XML-last«-Produktion, d. h. eine nachträgliche Konvertierung der Satzdaten nach XML – mit den beschriebenen workflow-technischen Schwächen, die dieser nachgelagerte Prozessschritt mit sich bringt.