XML-Know How

Wenn der Workflow feststeht: Entscheidung über die XML-Struktur

Wenn die strategische Entscheidung für eine neue Produktionsweise im Verlag gefallen ist, ist es Zeit, sich um die Ausgestaltung der XML-Struktur Gedanken zu machen. Einer der ersten operativen Schritte auf dem Weg zum neuen Workflow ist also die Festlegung einer DTD oder eines XML Schemas. Abermals steht der Verlag vor der Wahl: Soll eine Standard-DTD zum Einsatz kommen oder lohnt sich die Entwicklung einer individuellen Grammatik (vgl. Kap. 4.8)?

Für beide Szenarien gibt es viele Argumente, die dafür bzw. dagegen sprechen:

Einsatz einer Standard-Grammatik

pro

contra

+ Einsatz der DTD ist häufig kostenlos oder die Lizenz zumindest preiswert

– Eine Standard-Grammatik enthält i. d. R. nicht die semantischen Elemente, die das Verlagsprogramm präzise abbilden.

+ die DTD ist i. d. R. branchenerprobt und damit frei von »Kinderkrankheiten«

– Ggf. lassen sich für den Verlag wichtige Abfragen an die Daten und damit auch bestimmte elektronische Produkte nicht aus den vorgegebenen Strukturen abbilden.

+ der Austausch von Daten mit Dritten ist deutlich einfacher, wenn die Struktur allgemein bekannt ist

– Eine Standard-Grammatik enthält umgekehrt zahlreiche Elemente, die der Verlag nicht einsetzen möchte – die aber beim Einsatz der DTD automatisch zulässig sind.

+ Im wissenschaftlichen Umfeld wird teilweise der Einsatz von offenen Standards gefordert

– Im Bereich der Metadaten sind die Standard-DTDs häufig nicht auf die Bedürfnislage der Verlage ausgerichtet.

+ Es gibt viel Software (häufig auch kostenfrei), die auf die Standard-Grammatiken aufsetzen: Konvertierungstools, Auswertungen, E-Book-Lösungen etc.

– Die Standard-Grammatiken haben fast immer englische Element- und Attributnamen mit zum Teil sprachlich sehr feinen Unterschieden zwischen den einzelnen Elementen. Es ist nicht selbsterklärend, welches Tag/welches Attribut für welche Struktur verwendet werden soll.

+ Es ist einfacher, Dienstleister zu finden, die die Standard-Grammatik kennen und einsetzen können

– Die Schulung der Dienstleister ist entsprechend aufwändiger.

– Die Workshops, um die Konventionen und Business Rules aufzustellen, wie die Standard-Grammatik im Verlag eingesetzt werden soll, können vom Aufwand her ebenso hoch sein wie die Entwicklung einer eigenen Grammatik.

Entwicklung einer eigenen DTD/XSD

pro

contra

+ Die Verlagsinhalte werden semantisch präzise abgebildet.

– Eine eigene Grammatik verursacht höhere Initialkosten: von den ersten Workshops bis zur finalen Freigabe ist der Verlag stark involviert.

+ der Verlag hat die Hoheit über die DTD und kann sie schnell und eigenverantwortlich an neue Marktbedürfnisse anpassen.

– Eine eigene Grammatik kostet in der Entwicklung und Implementierung deutlich mehr Zeit und bindet personelle Ressourcen auch im Verlag.

+ die Anlage eigener Metadaten erlaubt eine einfache Einbindung in die übrige IT-Infrastruktur des Verlages.

– Der Verlag ist für die Pflege der Grammatik selbst verantwortlich. Jede Änderung kostet Zeit und Geld.

+ durch präzises Beschreiben der Inhalte lassen sich Wettbewerbsvorteile schaffen.

– Schulungen der Dienstleister sind unbedingt erforderlich, da die Struktur nicht allgemein bekannt ist.

+ Immer dann, wenn die Inhalte detailliert durchsucht werden sollen (vom Verlag selbst oder in der elektronischen Publikation vom Kunden) ist eine inhaltsspezifische Semantik zu bevorzugen. Es können höherwertige Apps und enriched E-Books erstellt werden.

– Es gibt keine Standard-Software (z. B. fertige Importroutinen für InDesign, EPUB-Konverter o. ä.) für die eigenen Strukturen. Alles muss erst entwickelt werden.

+ Es ist in der Regel unproblematisch, eine Konvertierroutine (XSLT) zu erstellen, die die Daten in die Standard-Grammatiken überführt. Damit ist die Anbindung auch an die Wissenschaftswelt gewährleistet.

– Es ist ein tiefergehendes XML-Know-How im Verlag erforderlich

+ durch die Vergabe eigener Tag-Namen und eine entsprechende Dokumentation können Missverständnisse im Umgang mit XML vermieden werden. Verlagsmitarbeiter und Dienstleister fühlen sich mit deutschsprachigen, intuitiv verständlichen Elementbezeichnern wohler. Die Fehlerrate ist geringer.

– Für den Austausch der Daten mit Dritten (B2B-Geschäft, Wissenschaft etc.) muss häufig zunächst ein Konverter entwickelt werden, der die Daten in die offenen Strukturen überführt.

+ die Akzeptanz im Verlag ist meist deutlich höher. Eine eigene Verlags-DTD vermeidet die »Entfremdung« von den Inhalten: Man muss den Content nicht dem Diktat einer fremden Grammatik unterwerfen.

– Alle Softwaremodule müssen bei einer DTD-Änderung überprüft und ggf. angepasst werden, was zu hohen Folgekosten führen kann.

+ durch die Mitwirkung an der Erstellung einer eigenen Grammatik setzen sich die Mitarbeiter im Verlag automatisch mit den Strukturen ihrer Werke auseinander und entwickeln ein Verständnis für die neue Technologie

Die entscheidende Frage ist also: Rechtfertigt der Mehrnutzen einer eigenen DTD/XSD den (finanziellen, zeitlichen und organisatorischen) Aufwand, der damit einhergeht? Diese Frage muss jeder Verlag für sich entscheiden. Die wichtigsten Aspekte bei der Entscheidung sind dabei: Lassen sich die geplanten Publikationsformen auch mit einer Standard-Grammatik erreichen?

Betrachten wir abermals unsere drei Muster-Verlage. Jedem der drei haben wir bereits einen Workflow empfohlen – nun gilt es, die dazu passende Entscheidung für die Datenstruktur zu treffen.

Neben den beiden Optionen »eigene DTD« – »Einsatz einer Standard-Grammatik« betrachten wir noch die dritte Möglichkeit, nämlich eine Standard-Grammatik heranzuziehen und gezielt um eigene Strukturen (vor allem im Bereich der Metadaten) zu erweitern.

Abb. 51 Welche Empfehlung würden Sie für den jeweiligen Verlag aussprechen?

Um hier die richtige Empfehlung zu geben, muss man natürlich den Leistungsumfang der Standard-Grammatiken genau kennen. Neben den großen, offenen Standards wie HTML, DocBook, DITA oder TEI gibt es eine ganze Reihe von branchenspezifischen Lösungen. Auch tun sich immer häufiger Verlage zusammen, um nach einer gemeinsamen DTD zu arbeiten und somit semantisch präzise und mit spezifischer Softwareanpassung / eigenen E-Book-Konvertern arbeiten zu können, gleichzeitig aber das Rad nicht immer wieder neu zu erfinden. Ansätze und Lösungen gibt es hier sowohl im Zeitschriften-Bereich als auch z. B. für Belletristik/Sachbuch oder auch für juristische Fachinformationen.

Daraus ergibt sich folgendes Bild:

Abb. 52 Empfehlung für eine XML-Grammatik für die drei Musterverlage