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eBook-Metamorphosen - Vom exotischen Lesegerät zum Software-Reader für jedermann

An die Stelle des eBook-Lesers, der sich ein spezielles Gerät namens eBook kaufte, sind heute Nutzer von universell verwendbaren Mobilcomputern wie Organizern, Personal Digital Assistants (kurz: PDAs) und Notebooks getreten. In U-Bahn, Flieger oder Stau verwenden sie ihre elektronischen Kalender, Notizbücher und Arbeitsgeräte auch als Taschenbuch: aus dem Gerät eBook ist die Software eBook geworden. Warum technische Neuerungen diesen Trend verstärken werden, erfahren Sie aus dem folgenden Beitrag.

Während man noch im letzten Jahr auf einschlägigen Messen spezielle eBook-Lesegeräte diverser Hersteller bestaunen konnte, und sich dabei fragen, wer solch ein Gerät wohl kaufen mag, hat inzwischen sogar der Branchenprimus Gemstar aufgegeben. Mit dem Schlussstrich von Gemstar ist die Ära der reinen eBook-Lesegeräte vorbei. Kleineren Anbietern wie Cytale ging vorher schon die Luft aus. Die Geräte lagen wie Blei in den Regalen, weil der Preis viel zu hoch war für ein schweres Gerät, mit dem man nichts anderes tun konnte als elektronische Bücher zu lesen. Binnen eines Jahres ist unübersehbar geworden, was schon zuvor viele prophezeit hatten: das Hardware-eBook hat keine Zukunft mehr.

Es wäre jedoch fatal, vom Aussterben einer Art auf das Ende einer ganzen Gattung zu schließen, deren Entwicklung genau genommen erst am Anfang steht. Die Rolle der erfolglosen eBook-Dinosaurier der ersten Generation haben universell verwendbare Mobilcomputer wie Organizer, Personal Digital Assistants (PDAs) und Notebooks mit übernommen. Auch die Handys der neuen Generation (»Smartphones«) weisen immer größere Displays auf und übernehmen zunehmend Funktionen, die bisher den PDAs vorbehalten waren.

Diese universell einsetzbaren Geräte üben mit Hilfe von Lesesoftware neben vielen anderen Funktionen auch die eines eBooks aus. Adobe hat einen eigenen eBook-Reader im Angebot, für die verbreiteten Palm PDAs gibt es den Palm Reader und auch mit Microsofts eBook-Reader kann man Buch-Dateien lesen, deren Verwendung durch eine Rechteverwaltung auf wenige Rechner beschränkt wird. Der Kauf eines speziellen eBook-Lesegerätes ist damit unnötig geworden.

Die Lesesoftware ist kostenlos im Internet erhältlich und auf einer Vielzahl von Rechnertypen lauffähig. Der Palm Reader läuft beispielweise nicht nur auf PDAs der Firma Palm, sondern auf allen relevanten PDA-Systemen, außerdem auf Windows- und Apple-Computern.

Beim Kauf eines Software-eBooks muss man sich zwar entscheiden, für welchen Reader man das eBook erwirbt, aber die Multi-Plattform-Fähigkeit der Lesesoftware macht das Lesen auf diversen Geräten möglich.

Zudem haben sich die führenden Anbieter von eBook-Lesesoftware (Microsoft, Palm Digital Media, Adobe) im Open eBook Forum zusammengetan und ein gemeinsames Format entwickelt. Dieses Format basiert auf dem neuesten HTML-Standard (genauer: XHTML 1.1 mit CSS-Formatierung). Daten, die in diesem Format vorliegen, können automatisch in die einzelnen Reader-Formate umgewandelt werden.

Viele Nachteile, die das klassische eBook hatte, weisen derzeit auch die mobilen Computer noch auf: kurze Batterielaufzeiten, mäßige Bildschirmqualität, hohes Gewicht. Geräte, die Vorteile bei einem dieser Faktoren aufweisen, bezahlen das mit Nachteilen bei den anderen.

Aber das wird sich bald ändern. Neue Bildschirmtechnologien, die bisher nur im Labor oder auf Prototypen zu sehen waren, sind in ersten Anwendungen kommerziell verfügbar. In der Abbildungsqualität kommen sie dem Medium Papier sehr nahe. Da sie zugleich einen sehr geringen Energieverbrauch aufweisen, haben sie das Potential, den Markt für Mobilcomputer zu revolutionieren.

Dabei kommen verschiedene Technologien zum Einsatz, die drei Vorteile gemeinsam haben. Die neuen Displays sind hochauflösend, nutzen das Tageslicht zur Beleuchtung und benötigen Energie nur bei Inhaltsänderungen.

Mit 200 dpi entspricht die Auflösung des »elektronischen Papiers« von eInk in der Qualität dem Ausdruck eines einfachen Laserdruckers. Da die Oberfläche reflexiv ist, also das Umgebungslicht nutzt, wird keine Beleuchtung benötigt, die zu den Hauptenergiefressern bei PDAs und Notebooks zählt. Und vor allem: Ein solches Display liest sich fast wie Zeitschriftendruck. Der Graben zwischen dem »Papier-Lesegefühl« und dem bei Bildschirmnutzung beginnt sich zu schließen.

Neben dem e-Paper von eInk gibt es das Produkt SmartPaper von Gyricon Media. SmartPaper vereint die Vorteile von Papier und einem Computer-Display: Es ist leicht, dünn, flexibel, kann unabhängig vom Blickwinkel gut abgelesen werden und benötigt keine Hintergrundbeleuchtung.

Die dritte Displaytechnologie ist eine Weiterentwicklung des LCD-Displays, wie man es von Quarzuhren und Taschenrechnern kennt, und zwar auf der Basis cholesterischer Flüssigkristalle (Ch-LCD). Anders als die grau-grünen Vorläufer stellt die neue Version das Bild in kontrastreichem Schwarzweiß dar und benötigt weder Hintergrundbeleuchtung noch ständige Energiezufuhr.

eInk-Viewer von Philips (2003)

Da die neuen Displays das Umgebungslicht zur Beleuchtung nutzen und Energie nur für Inhaltsänderungen benötigen, sinkt der Energieverbrauch um den Faktor 10. Bei der Verwendung als Lesegerät für Texte dürfte der Effekt noch viel dramatischer ausfallen, da sich der Bildschirminhalt ja nur beim »Umblättern« ändert. Laufzeiten von Wochen oder Monaten werden möglich.

Wer bisher seinen PDA nicht als eBook verwendet hat, weil er den Akku schonen wollte oder weil ihm das Display nicht augenfreundlich genug war, kann also bald umdenken. Auch die Größe der Bildschirme, die als Energiefresser bei den meisten PDAs bisher eher klein ausfallen, bewegt sich schon jetzt langsam aber sicher in Richtung Taschenbuchformat.

Gyricon verwendet den Einzelhandel als Einstiegssegment im Markt für SmartPaper. Erste Produkte sind bereits in Zusammenarbeit mit der Firma 3M entwickelt worden und in US-Supermärkten im Einsatz. Preis- und Werbeschilder sind ideal für erste Anwendungen von elektronischem Papier, weil sie keine hohen Anforderungen an die Auflösung stellen und oft aktualisiert werden müssen, wenn sich Preise täglich oder gar stündlich ändern.

Auch eInk verkauft erste Prototypen als Werbeschilder, will sich aber breiter am Markt positionieren. Die Firma ist derzeit dabei, zusammen mit Philips die eInk Technologie als Ersatz für LCDs im PDA-Bereich zu etablieren. So sollen 2003 erste Produkte auf den Markt kommen, unter anderem sollen Geräte von Palm mit einem eInk Display ausgestattet werden.

Neben Philips hat eInk noch weitere Partner gefunden. Dazu gehören Firmen wie Motorola, Lucent Technologies, das japanische Druck- und Medienunternehmen Toppan und der Langenscheidt-Verlag. Zusammen mit Toppan entwickelt eInk Comicbücher für Japan und durch die Kooperation mit Langenscheidt kann man vermuten, dass eInk-Produkte auch für den europäischen Markt in Planung sind. Auch PDAs mit Ch-LCD sind für 2003 angekündigt.

Die neuen Bildschirmtechnologien haben derzeit noch den Nachteil, nur in Schwarz-Weiß verfügbar zu sein. Auch Bewegtbilder werden wegen der Trägheit des Bildaufbaus nicht optimal wiedergegeben. Für die Verwendung in PDAs sind die Displays trotz dieser Einschränkungen hervorragend geeignet – und als Taschenbuchersatz taugen sie allemal.

Schnellere und farbige Displays sind bereits in Entwicklung. Es ist absehbar, dass sich PDAs und ihre größeren Brüder, die Tablet-PCs (Notebook-Computer mit Handschrifterkennung statt Tastatur) aufeinander zu entwickeln. Das Ergebnis dürfte ein alltagstaugliches Gerät sein, das dem Namen Notebook-Computer wirklich gerecht wird. Von der Größe eines dünnen Taschenbuchs, mit Handschrifterkennung und Internetzugang wird es viele Funktionen, die heute Notebook, PDA und Handy getrennt erfüllen, vereinen. Und ganz nebenbei werden diese Geräte die idealen eBooks darstellen.

FAZIT

  • An die Stelle spezieller eBook-Lesegeräte sind elektronische Organizer,
    Notebook-Computer und Smartphones getreten. Mit kostenlosen Software-
    Leseprogrammen (sogenannten Readern) können eBook-Dateien auf allen
    mobilen Systemen gelesen werden.
  • Verlage müssen nur noch ein eBook-Format berücksichtigen,
    das von allen Softwareherstellern unterstützt wird (Open-eBook-Format).
  • Neue energiesparende Displaytypen mit papierähnlichen Wiedergabe-
    Eigenschaften sind in ersten Anwendungen verfügbar. Sie haben das Potential, den Markt für Mobilcomputer zu revolutionieren. Taschencomputer
    können erstmals im Lesekomfort Taschenbüchern Konkurrenz machen und eröffnen dem Markt für elektronische Bücher neue Chancen.