XML-Know How

Verlage als Informationsdienstleister - Publikumsverlage

Bei Publikumsverlagen gibt es derzeit für das Medium Buch keine digitale Alternative. Und es ist auch eine legitime Frage, ob solche Alternativen überhaupt erstrebenswert sind. Dennoch sollte man das veränderte Medien-Nutzungsverhalten vor allem der jüngeren Generation genau verfolgen, neue Trends aufmerksam beobachten, um gegebenenfalls neue Märkte erschließen zu können und solche, die sich erst langsam abzeichnen, aktiv auszugestalten.

Der folgende Beitrag will daher den Blick auf aktuelle technische Entwicklungen lenken, die neue Publikationsformen wirtschaftlich erscheinen lassen. Zudem zeigen wir auf, dass Technologien aus dem Bereich der neuen Medien auch in der reinen Printproduktion die Effizienz erheblich steigern können.

Belletristische und vergleichbare Texte gibt es heute in fast allen Sparten des elektronischen Publizierens – allerdings generieren sie von Ausnahmen abgesehen keine nennenswerten Umsätze. Neben CD-ROMs und dem Auftreten im Internet sind sie vor allem als so genannte eBooks verfügbar. Der Terminus eBook ist in der Branche doppelt belegt: zum einen bezeichnet er eine spezielle Hardware, ein eigenes Lesegerät, zusammen mit speziell auf dieses Gerät abgestimmten Dateien, zum anderen nennen einige Softwarehersteller, allen voran Adobe mit seinem PDF-Format, Inhalte in ihren jeweiligen Datenformaten »eBook«.

Die Versuche, ein Buch durch ein eigenständiges elektronisches Gerät zu ersetzen, sind allerdings beim Publikum nicht auf ausreichende Resonanz gestoßen. Bislang hoben technische Kinderkrankheiten – besonders die unzureichende Bildschirmqualität – die vielen Vorteile wieder auf. Das Lesevergnügen, für viele Kunden schließlich einer der wichtigsten Gründe, zum Buch zu greifen, wollte sich nicht einstellen. Auch die Preise für die Geräte, die nur für die Wiedergabe von eBook-Dateien geeignet sind, waren alles andere als attraktiv. Schließlich haben viele Verlage auch aus teilweise unbegründeter Angst vor illegalen Kopien das Medium eBook nur zögerlich bedient, andere wiederum die Nutzer durch hohe Preise abgeschreckt.

Inzwischen sind an die Stelle des klassischen eBook-Lesers, der sich ein spezielles Gerät namens eBook kaufte, Nutzer von universell verwendbaren Mobilcomputern wie Organizern, Personal Digital Assistants (kurz: PDAs) und Notebooks getreten. In U-Bahn, Flieger oder Stau verwenden sie ihre digitalen Kalender, Notizbücher und Arbeitsgeräte auch als Taschenbuch. Aus dem Gerät eBook ist die Software-Anwendung eBook geworden.

Viele Nutzer dieser neuen eBook-Form verwenden mangels attraktiver Angebote von Seiten der Verlage illegal kopiertes Material aus Internet-Tauschbörsen. Dabei handelt es sich nicht nur um geknackte eBook-Dateien, sondern vor allem um privat gescannte und in Textdaten konvertierte Druckwerke. Gegen die Nutzung solcher Quellen hilft kein Kopierschutz.

Die Zahl der eBook-Leser neuer Couleur wird durch die Weiterentwicklung der mobilen PCs zunehmen. Derzeit in der Markteinführung befindliche neue Bildschirmtechnologien bieten ein Lesegefühl wie man es bisher nur vom Papier her kennt: hochauflösend und ohne störende Spiegelungen reflektieren diese Bildschirme wie mattes Papier das Tageslicht, und das bei einem Bruchteil des Energieverbrauchs momentan gebräuchlicher Displays.

Die heutigen Mobilrechner mit geringer Akku-Betriebsdauer und unbefriedigender Bildschirmqualität werden in wenigen Jahren zu leichten Dauerläufern mit »Papierbildschirm« mutiert sein und zunehmend eine echte Konkurrenz für das Medium Buch darstellen. Es gilt, auf solche Märkte vorbereitet zu sein.

Wenn die Verlage diese Entwicklung nicht länger ignorieren und das Feld den Raubkopierern überlassen, können mittelfristig eBooks der nächsten Generation den Taschenbuchmarkt um ein interessantes Segment erweitern und langfristig wohl sogar revolutionieren.

Diese Entwicklung ist sehr wahrscheinlich keine Frage des Ob sondern nur des Wann. Im US-amerikanischen Buchhandel liegen die Zuwachsraten des eBook-Sektors 2003 weit über denen des Print-Sektors, eine Entwicklung, die auch hier bald einsetzen kann. Daher sollten auch Publikumsverlage beizeiten in Erwägung ziehen, ihre Daten für zukünftige Zweitverwertungen in einem medienneutralen Format wie XML zu speichern.

Ein Schritt in diese Richtung ist die Umstellung auf XML-fähige Satzsysteme. Anstatt wie bisher die Manuskriptdaten in ein layout-orientiertes Programm (Quark Xpress, Adobe InDesign etc.) zu speisen, aus dem sie nur unter Schwierigkeiten in medienneutrale Formate überführt werden können, können sie zu ähnlichen Kosten nach XML konvertiert und aus diesem Format gesetzt werden. Satz und Konvertierung können auch als ein integrierter Arbeitsgang realisiert werden. Professionelle Dienstleister liefern dann nach Korrektur und Satz die imprimierten Daten im XML-Format zurück.

Medienneutrale Datenhaltung ist aber nicht nur im Bereich des Publizierens in digitalen Medien sinnvoll. Auch bei der reinen Print-Produktion kann sie erhebliche Vorteile bringen. Dies gilt besonders für die immer wichtiger werdende Mehrfachverwertung von Inhalten. Ob Sie eine Neuauflage mit verändertem Satzspiegel, eine Taschenbuchausgabe oder eine neue Zusammenstellung von vorhandenen Inhalten (Lexika, Wörterbücher) planen: Immer können Sie bei medienneutraler Datenhaltung auf den imprimierten Datenbestand zugreifen.

Konvertierungen und Nachbearbeitungen gehören dann der Vergangenheit an. Eine Neuauflage muss nur noch hinsichtlich Zeilen- und Seitenumbruch (Silbentrennung, Hurenkinder, Schusterjungen etc.) überprüft werden und ist anschließend druckreif. Auch die nachträgliche Anreicherung mit Zusatzinformationen – z. B. mit Marginalien und Fußnoten für eine Schülerausgabe – kann ebenfalls direkt im imprimierten Datenbestand erfolgen. Für beides ist der Aufwand viel geringer, als wenn Sie aus dem Autorenmanuskript oder alten Word-Daten ganz neu setzen lassen würden.

Natürlich ist auch die Verwertung der Inhalte in neuen Medien wie z. B. auf Multimedia-CDs für den Bildungsmarkt bei medienneutraler Datenhaltung deutlich kostengünstiger.

Zum Programm von Publikumsverlagen zählen mitunter auch große Publikationsvorhaben, die in vielen Hinsichten den Werkausgaben wissenschaftlicher Verlage ähneln. Für solche Vorhaben bringt die Verwendung medienneutraler Daten in XML und der dazugehörigen Verarbeitungstechniken besondere Vorteile (mehr dazu lesen Sie im Beitrag Verlage als Informationsdienstleister – Wissenschaftliche Verlage).

Schließlich bieten maßgebliche Internet-Buchändler wie Amazon ihren Kunden neben den reinen Titelangaben der Bücher auch Inhaltsübersichten und Textteile als »Appetithäppchen« im Internet. Auch dazu müssen natürlich die Daten, die der Verlag für diese Zwecke zur Verfügung stellt, in einem problemlos weiterverarbeitbaren Format vorliegen.

Selbstredend verursacht die Umstellung auf medienneutrale Datenhaltung zunächst Kosten, die dann gerechtfertigt sind, wenn sie an anderer Stelle zu Einsparungen oder Einnahmen führen, die diese Kosten übersteigen, oder wenn sie aus strategischen Gründen erforderliche Investitionen darstellen. Kostenvorteile können durch Synergieeffekte (Mehrfachnutzung eines Datenbestandes) entstehen, durch Senkung von Prozesskosten (effektivere, schnellere Abläufe in Redaktion und Herstellung) und durch Erhöhung der Werthaltigkeit der Verlagsprodukte.

Ob die Rechnung für ein konkretes Projekt aufgehen kann, muss im Einzelfall geprüft werden. Was für eine vielbändige kommentierte Gesamtausgabe gilt, muss nicht auch bei einem opulenten Bildband gelten. Welche Kriterien besonders dafür sprechen, ein Projekt in medienneutraler Datenhaltung durchzuführen, diskutieren wir im Beitrag Ohne sie geht nichts: Medienneutrale Daten.

FAZIT

  • Medienneutrale Datenhaltung senkt die Kosten bei Mehrfachverwertung
    auch in Printmedien drastisch.
  • Bei komplexeren Publikationsvorhaben können medienneutrale
    Datenhaltung und XML-Technologien die Arbeitsabläufe in Lektorat
    und Redaktion erheblich erleichtern.
  • Die Arbeit mit medienneutralen Daten lohnt sich daher häufig auch
    für Publikumsverlage – selbst wenn unmittelbar keine Publikation
    in elektronischen Medien geplant ist.
  • Medienneutrale Datenhaltung ist zugleich Voraussetzung
    für die Nutzung neuer Medien.
  • Einfach und preisgünstig können medienneutrale Daten
    beim Satz mit XML-fähigen Satzsystemen erzeugt werden.
  • Organizer mit neuen Bildschirmtechnologien könnten
    als eBooks der nächsten Generation dem gedruckten Buch zumindest
    im Taschenbuchbereich ernste Konkurrenz machen.